Im Alltag arbeitet Andrea Zehnder als Lehrerin. Doch wenn in ihrer Nähe ein Mensch zusammenbricht, wird sie zur Ersthelferin und eilt zum Einsatzort.

Text: Jörg Marquardt Fotos: Mischa Christen

Die Sporttasche der Kinder ist gerade fertig gepackt, als das Handy Alarm schlägt: medizinischer Notfall, nur wenige Hundred Meter entfernt. Andrea Zehnder schaut zu ihrem Mann. Auch er hat die Alarmmeldung erhalten. Ihnen ist klar: Der Schullauf muss warten! Eilig streifen sie die Leuchtwesten über, packen die Notfalltasche ins Auto und brausen los. Die Handy-App lotst sie zum Einsatzort.

Andrea Zehnder (44) und ihr Mann gehören zu den über 34 000 freiwilligen Ersthelferinnen und Ersthelfern in der Schweiz, First Responder genannt. Die meisten sind medizinische Laien. Bei Herz-Kreislauf-Stillständen rücken sie aus und leisten Erste Hilfe, bis der reguläre Rettungsdienst eintrifft. Der Kanton Zug, in dem die Zehnders leben, hat dieses System im Juni 2025 eingeführt. Fast überall im Land gibts solche Netzwerke, oder sie befinden sich noch im Aufbau.

Bild: Mischa Christen

Ersthelfer überbrücken kritische Lücke

Schnelligkeit ist das oberste Gebot bei Alarmierungen, vor allem nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand. «Mit jeder Minute ohne Wiederbelebungsmassnahmen sinkt die Überlebenschance um zehn Prozent», sagt Zehnder. Professionelle Rettungskräfte benötigen im Schnitt gut zehn Minuten zum Einsatzort – wertvolle Zeit, über Leben und Tod entscheiden kann. First Responder helfen, diese kritische Lücke zu überbrücken: Per Handy-App werden jene Ersthelfer alarmiert, die sich gerade in direkter Nähe aufhalten. Sie sind am schnellsten vor Ort, um mit den lebensrettenden Massnahmen zu beginnen.

Viele First Responder bringen Erfahrungen aus einer Blaulichtorganisation mit. Ein Muss ist das nicht. Andrea Zehnder hat weder in der Feuerwehr noch im Rettungsdienst gearbeitet. Die Lehrerin engagiert sich aber im Samariterverein Cham und organisiert Sanitätsdienste, etwa an Grümpelturnieren.

Jede volljährige Person kann First Responder werden, vorausgesetzt, sie hat einen Reanimationskurs absolviert, in dem auch der Umgang mit dem Defibrillator geschult wird. Zudem sollte sie psychisch belastbar sein. «Am schwierigsten ist der kurze Moment vor einer fremden Wohnungstür, wenn noch unklar ist, was mich erwartet», sagt Zehnder. Sobald sie einen Patienten vor sich hat, weicht die Anspannung der Konzentration.

Ein Angehöriger steht auf dem Balkon und winkt die Zehnders in das Haus. Drei Minuten sind seit dem Alarm vergangen. Drinnen liegt ein Mann auf dem Boden. Er reagiert nicht auf Ansprechen. Andrea Zehnder stellt auch keine Atmung fest – ein klares Indiz für einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Sofort beginnt sie mit der Herzdruckmassage: 30-mal drücken, dann 2-mal beatmen. Nach ein paar Minuten übernimmt ihr Mann.

Vor gut einem Jahr hat sich Andrea Zehnder über die Website des Kantons Zug als First Responder registriert. Viel Aufwand war nicht nötig: das Zertifikat eines BLS-AED-SRC-Reanimationskurses hochladen, abschicken, fertig. An einem Einführungskurs durch den Rettungsdienst Zug lernte sie die Abläufe im Ernstfall kennen, erhielt ihre Einsatzausrüstung und wurde in die Alarmierungs-App eingewiesen.

Ein Schicksalsschlag hilft ihr heute

Zehnders Wunsch, zu helfen, ist eng mit einem Schicksalsschlag verbunden: 1998 erlitt ihr Vater einen Herzinfarkt. «Ich kenne also die Situation, dass plötzlich wildfremde Leute ins Haus stürmen.»

Die Gegenwart der Rettungssanitäter gab ihr damals Halt, auch wenn sie das Leben ihres Vaters nicht retten konnten. Heute steht sie auf der anderen Seite und ist für jene Menschen da, die Ähnliches durchmachen.

Muss man besonders abgebrüht sein, um First Responder zu werden? Zehnder winkt ab: «Das bin ich nicht.» Sie vergleicht ihr Engagement mit einer Bergtour: Man weiss, dass ein anstrengender Aufstieg bevorsteht, macht sich aber trotzdem auf den Weg. «Die Reanimation selbst ist keine Kunst.» Als Mutter war es ihr aber wichtig, zu warten, bis ihre Kinder über zehn sind. «Damit mein Mann und ich sie notfalls an Ort und Stelle stehen lassen können, wenn wir ausrücken.»

Kein Einsatz ohne Nachbesprechung

Die Reanimation ist in vollem Gang, als ein dritter First Responder hinzueilt. Er hat den Defibrillator vom nahen Gemeindehaus mitgebracht. Sofort kleben die Brust des Betroffenen und lösen den ersten Schock aus. Wenig später ist der Rettungsdienst zur Stelle. Die Zehnders können sich zurückziehen.

Dieser Notfall war einer von drei Einsätzen, zu denen Andrea Zehnder in den vergangenen zwölf Monaten ausgerückt ist. Der Betroffene überlebte nicht. Solche Erlebnisse gingen ihr nahe, sagt sie. «Aber ich weiss, dass ich alles gegeben habe, und deshalb mit der Situation gut abschliessen.»

Insgesamt gab es im Kanton Zug seit der Einführung der First Responder vor gut einem Jahr rund 50 Reanimationseinsätze. Im Schnitt trafen die Ersthelfer vier Minuten vor dem Rettungsdienst ein. Vier von zehn Wiederbelebungsmassnahmen waren erfolgreich. Nach jedem Einsatz nehmen sich die Rettungssanitäter Zeit für eine Nachbesprechung. Zehnder schätzt diesen Austausch: «Wir erfahren viel Wertschätzung.» Zwei, drei Tage später erkundigt sich der Rettungsdienst ganz nochmals telefonisch, wie es ihnen geht. «Das ist heilsam und hilft, das Erlebte zu verarbeiten.»

Die Kinder von Andrea Zehnder wissen von ihrem Engagement – auch, dass nicht jeder Einsatz ausgeht. Einmal sagte ihre Tochter aufmunternd zu ihr: «Gäll, Mami, nur nüt mache, isch falsch!»

 

Quelle: Migros-Magazin #41 / migros.ch/magazin / 7.Oktober 2026

https://issuu.com/m-magazin/docs/migros-magazin-41-2026-d-aa/12